EDITORIAL

Auf ins Blaue

Bis vor kurzem habe ich mich immer für einen überzeugten Großstadtmenschen gehalten. Einen Stadtbewohner, der einen Nachmittag an der überfüllten Alster einem Wochenende im Blauen den Vorzug geben würde. Vielleicht, weil ich an der Küste aufgewachsen bin, was bei mir naturgemäß andere Sehnsüchte weckt. Bis ich kürzlich für ein paar Tage in die Heimat gefahren bin, um meinen Bruder an der Ostseeküste zu besuchen. Ausgerüstet mit Mütze und Mantel machten wir uns an einem kühlen, sonnigen Märztag auf einen langen Strandspaziergang. Stunden später saßen wir ruhig vor dem Ofen in seinem Haus, schauten in die knisternden Flammen und tranken Kaffee. Und schon hatte sie mich, den überzeugten Großstadtmenschen erwischt, die Sehnsucht nach dem großen Ethos „weniger ist mehr“ statt „je mehr, desto besser“ ein unauffälliger glücklicher Moment. An diesem Ort gelingt das Wunder, das hektische Tempo unseres Alltags in einen ganz anderen Rhythmus zu übersetzen ­— alles mit weitem Herzen, klarem Blick und lange während.

Dieses überraschende und zugleich zeitlose Gefühl möchte ich mit guten Freunden teilen und in den gemeinsamen Arbeitsprozess integrieren. Also, auf ins Blaue!